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Version 2.07 - 2016 |
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Deprivationsprophylaxe (ambulante Pflege) |
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In
der ambulanten Pflege steht und fällt die Deprivationsprophylaxe mit
dem familiären Umfeld. Daher ist es wichtig, die Angehörigen
entsprechend anzuleiten. Es gilt, das richtige Maß aus Reizen und
Ruhephasen zu finden. |
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Wichtige Hinweise:
- Zweck unseres Musters ist es nicht,
unverändert in das QM-Handbuch kopiert zu werden. Dieser
Pflegestandard muss in einem Qualitätszirkel diskutiert und
an die Gegebenheiten vor Ort anpasst werden.
- Unverzichtbar ist immer auch eine
inhaltliche Beteiligung der jeweiligen Haus- und Fachärzte,
da einzelne Maßnahmen vom Arzt angeordnet werden müssen.
Außerdem sind etwa einige Maßnahmen bei bestimmten
Krankheitsbildern kontraindiziert.
- Dieser Standard eignet sich für die
ambulante und stationäre Pflege. Einzelne Begriffe müssen
jedoch ggf. ausgewechselt werden, etwa "Bewohner" gegen
"Patient".
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Deprivationsprophylaxe (ambulante Pflege) |
| Definition:
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- Deprivation (auch "psychischer Hospitalismus")
ist definiert als das Vorenthalten von körperlicher und emotionaler
Zuwendung sowie dem Entzug von Sinnesreizen. Geprägt wurde dieser
Begriff ursprünglich im Zusammenhang mit verwahrlosten Heimkindern,
inzwischen wird er auch in der Altenpflege vor allem bei gänzlich
immobilen Senioren genutzt.
- Deprivation löst bei Senioren seelische Schäden
aus wie etwa Passivität, Apathie, Depression und Regression. Sogar
Todesfälle sind bei extremer Deprivation möglich.
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| Grundsätze:
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- Unsere Möglichkeiten zur Vermeidung einer
Deprivation sind begrenzt, da wir den Klienten jeden Tag nur eine kurze
Zeit sehen und danach über Stunden allein lassen. Wenn in diesen
Zeiträumen keine Betreuung durch Angehörige erfolgt, kann eine
Deprivation ggf. nicht abgewendet werden.
- Durch einen respektvollen Umgang mit dem
Klienten und durch aktivierende Pflege kann aber zumindest das Risiko
begrenzt werden. Wir warten nicht ab, bis der Klient aus eigenem Wunsch
nach Reizen verlangt, sondern bieten diese von uns aus an.
- Ein zentraler Erfolgsfaktor für die Deprivationsprophylaxe ist die genaue Kenntnis biografischer Vorlieben und Gewohnheiten.
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| Ziele:
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- Eine erhöhte Gefährdung für eine Deprivation wird zeitnah erkannt.
- Ein Reizmangel wird vermieden. Wir stellen eine
vielfältige sensorische Reizaufnahme sicher. Wir sorgen insbesondere
für Anregungen im visuellen und im kommunikativen Bereich.
- Der Klient wird stärker in die Gemeinschaft
seiner Nachbarschaft und seines familiären Umfelds eingebunden. Eine
Isolation wird vermieden.
- Angehörige und Freunde des Klienten sind motiviert, durch eine aktive Mithilfe eine Deprivation zu verhindern.
- Die Körperwahrnehmung wird verbessert.
- Die Folgen einer Deprivation werden gelindert.
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| Vorbereitung: |
allgemeine Maßnahmen
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- Wenigstens zwei Pflegefachkräfte unseres Pflegedienstes verfügen über eine Weiterbildung zur gerontopsychiatrischen Fachkraft.
- Durch interne Schulungen stellen wir sicher,
dass alle Pflegekräfte in Grundzügen das Konzept der basalen
Stimulation verstehen und anwenden können. Dieses gilt auch für die
Konzepte “validierende Kommunikation” sowie “R.O.T.”.
- Wir sensibilisieren auch andere Berufsgruppen,
etwa Ergotherapeuten. Wir bitten diese, entsprechende Beobachtungen an
die Pflegekräfte weiterzugeben.
- Wir setzen strikt auf das System der Bezugspflege.
- Wir diskutieren mit dem behandelnden Arzt den
Umfang an notwendigen Hilfsmitteln. Es sollte z. B. vermieden werden,
dass der Klient den ganzen Tag im Rollstuhl sitzt, obwohl er gehen und
normale Sitzmöbel nutzen könnte.
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Gefährdungsgrad bestimmen
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- Wir prüfen regelmäßig, inwieweit der einzelne
Klient von einer Deprivation bedroht ist. Das Risiko ist bei
verschiedenen Kriterien erhöht:
- Die Sinnesfunktionen des Klienten sind
geschwächt. Dazu zählen nachlassende Sehfähigkeiten, ein geschädigtes
Gehör sowie Beeinträchtigungen des Riech- und des Geschmackssinns.
Relevant sind aber auch Sinne wie der Tastsinn oder das Wärmeempfinden.
- Es fällt dem Klienten schwer, soziale Kontakte aufzubauen.
- Er leidet bereits an anderen psychischen Erkrankungen.
- Der Klient musste in letzter Zeit verschiedene
schwere Schicksalsschläge verarbeiten. Enge Bezugspersonen sind
verstorben oder weggezogen.
- Der soziale oder der räumliche Bezugsrahmen hat
sich verändert. Also etwa durch einen unlängst erfolgten Auszug aus
seiner vertrauten Wohnung, weil er in das Haus eines seiner Kinder
umziehen sollte.
- Der Klient muss sich restriktiven
therapeutischen Einschränkungen unterwerfen, etwa eine Isolation
aufgrund einer Infektionskrankheit oder strikte Bettruhe nach einer
TEP-Operation.
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achten auf Symptome
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Wir achten auf Symptome, die für eine sich entwickelnde Deprivation sprechen. Etwa:
- Der Klient zeigt ein regressives Verhalten, er
wird also wieder "zum Kind". Obwohl er über ausreichende
Selbstversorgungsfähigkeiten verfügt, lässt er sich waschen oder die
Nahrung anreichen. Es handelt sich dabei zumeist um den unbewussten
Versuch, Aufmerksamkeit zu erzwingen.
- Der Klient vernachlässigt seinen Körper, wäscht sich z. B. nicht.
- Der Klient zeigt Abwehrreaktionen, er schreckt z. B. bei Berührungen zusammen.
- Der Klient führt permanent Schaukelbewegungen aus oder nestelt an seiner Kleidung.
- Der Klient summt oder klagt permanent. Mitunter
werden auch pausenlos einzelne Sätze oder Gebete wiederholt. Er führt
Selbstgespräche oder schreit laut.
- Der Klient ist apathisch. An seiner Umwelt ist
er nicht mehr interessiert. Er ist teilnahmslos und reagiert kaum noch
auf Ansprache.
- Der Klient redet wenig oder verweigert die Kommunikation vollständig.
- Der Klient äußert den Wunsch zu sterben.
- Der Klient zieht sich zurück. Er verlässt sein Zimmer nur selten und bewegt sich kaum noch.
- Der Klient isst zu wenig oder verweigert die Nahrung vollständig.
- Der Klient leidet unter Inkontinenz, ohne dass es dafür einen organischen Auslöser geben würde.
- Der Klient leidet unter Panikattacken oder unter Depressionen.
- Der Klient zeigt Anzeichen akuter
Verwirrtheitszustände. Seine Denkweise wirkt verlangsamt, zerfahren und
unzusammenhängend. Seine Sprache ist wirr und verwaschen.
- Es kommt zu Illusionen und zu Halluzinationen, etwa das Sehen von kleinen Tieren wie Käfern oder Spinnen.
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Ursachensuche
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Wir versuchen
zu bestimmen, wodurch die Deprivation verursacht wurde. Dieses erlaubt
Rückschlüsse auf die Deprivationsform. Abhängig von den Ergebnissen
regen wir ggf. eine fachärztliche Untersuchung an.
- Sensorische Deprivation, also der Entzug von Sinnesreizen:
- Die Hörfähigkeiten des Klienten sind
eingeschränkt, etwa weil er kein Hörgerät tragen will oder weil eine
vollständige Gehörlosigkeit vorliegt.
- Der Klient leidet an einer Sehbehinderung, etwa ausgelöst von einem fortgeschrittenen Glaukom.
- Die Sensibilität ist gestört, etwa als Folge einer Multiplen Sklerose oder eines operativen Eingriffs.
- Soziale Deprivation, also der Mangel an zwischenmenschlichen Kontakten
- Der Klient wird von der Gemeinschaft
gemieden, z. B. weil seine Körperhygiene unzureichend ist oder weil er
aggressives Verhalten zeigt.
- Es gibt keine familiären Kontakte, Freunde sind verstorben usw.
- Der Klient isoliert sich von der
Nachbarschaft, etwa weil er einen Migrationshintergrund hat und weil er
die Sprache nicht versteht.
- Kognitive Deprivation, also ein Mangel an Anregung
- Der Klient langweilt sich, etwa weil er
aufgrund einer rheumatischen Erkrankung der Hände seinen Hobbys nicht
mehr nachgehen kann.
- Der Tagesablauf ist monoton und bietet keine Abwechslung.
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| Durchführung:
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Gestaltung der Umgebung
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- Wir reichern das Zimmer des Klienten mit
farblichen Elementen an. Dazu zählen etwa farbenfrohe Bettwäsche, bunte
Gardinen und Vorhänge, frische Blumen usw.
- Wir bringen einen “Bettschleier” über dem Bett
des Klienten an, spannen also ein Tuch auf. An dieses Tuch können
verschiedene Elemente angeheftet werden, etwa Blumen oder Sterne.
- Wir legen ein Taschentuch auf den Bauch des
Klienten und beträufeln dieses mit ein paar Tropfen seines
Lieblingsduftes. Das Tuch wird nach spätestens zwei Stunden wieder
entfernt.
- Wir stellen sicher, dass das Zimmer des
Klienten am Tag gut ausgeleuchtet ist. In der Nacht nutzen wir ein
Nachtlicht und lassen im Badezimmer ein Licht brennen. Durch die
Fenster sollte Licht von außen in den Raum des Klienten fallen und ihm
eine tageszeitliche Orientierung erlauben.
- Die Zimmertür des Klienten wird nur auf seinen
ausdrücklichen Wunsch hin geschlossen. Wenn die Tür geöffnet ist, kann
der Klient die Geräusche außerhalb seines Zimmers leichter wahrnehmen.
Dabei ist es wichtig, dass der Klient in der Lage ist, zumindest Teile
des Flurs einzusehen. Er kann dann visuelle mit akustischen Reizen
abgleichen, etwa wenn sich Angehörige im Haus bewegen.
- Wenn der Klient viel Zeit in der Rückenlage
verbringt, sollte die Zimmerdecke in die Raumgestaltung einbezogen
werden. Dort könnten etwa Kunstdrucke mit ansprechenden Motiven
aufgehängt werden. Soweit akzeptiert kann alternativ ein Mobile genutzt
werden, wobei wir allerdings ausschließen müssen, dass der Patient Epileptiker ist.
- Ggf. stellen wir einen Beamer oder einen Diaprojektor auf, der interessante Motive bzw. kurze Filme an die Decke projiziert.
- Wir achten darauf, dass sich Mobiles und
Windlichter nicht zu schnell bewegen. Bei demenziell Erkrankten kann
das Angst oder Desorientierung auslösen. Derartige Gegenstände sollten
also keinem starken Windzug ausgesetzt werden, also insbesondere nicht
am Fenster hängen.
- Die Dekoration sollte der Jahreszeit
entsprechen. Eine Collage aus bunten Blättern sollte im Herbst
aufgestellt werden, Frühlingsblumen im Frühjahr usw.
- Im Sichtbereich des Klienten sollten Fotos
aufgestellt werden. Diese können etwa dem privaten Fotoalbum entnommen
werden oder von Angehörigen mitgebracht werden. Möglich sind auch
vertraute oder lieb gewonnene Gegenstände, etwa die Bastelarbeit eines
Enkels.
- Wir bestücken eine mobile Trennwand in
Augenhöhe mit Fotos und Zeichnungen. Je nach Lagerung kann diese Wand
rechts oder links vom Klienten am Bett platziert werden.
- Das Bett des Klienten wird so aufgestellt, dass dieser ein möglichst freies Blickfeld zum Fenster hat.
- Falls möglich wird der Klient samt Bett ins
Freie geschoben, etwa in den Schatten einer Terrasse oder vor ein
Aquarium oder vor eine Vogelvoliere.
- Wir arbeiten mit ehrenamtlichen Mitarbeitern
zusammen, die den Klienten regelmäßig besuchen. Insbesondere prüfen
wir, wie der Klient auf mitgebrachte Haustiere des mobilen
Tierbesuchsdienstes reagiert.
- Wir geben dem Klienten die Möglichkeit, mit
weit entfernt lebenden Angehörigen zu telefonieren. Sofern dieses
sinnvoll ist, kann auch die Videotelefonie moderner Smartphones genutzt
werden. Im Gespräch mit dem Patienten fragen wir nach Freunden und Bekannten,
die ggf. noch nicht über die eingeschränkte Mobilität informiert sind, und bieten
an sie zu kontaktieren.
- Unangenehme Gerüche werden konsequent beseitigt, insbesondere Urin- und Stuhlgerüche.
- Die Temperatur sollte nicht zwangsweise
konstant gehalten werden, etwa durch den Einsatz einer Klimaanlage.
Sofern keine medizinischen oder pflegerischen Gründe dagegen sprechen,
sollte etwa im Sommer die Wärme auch in das Zimmer gelassen werden. Am
Morgen kann es kühler sein als am Nachmittag.
- Der Einsatz einer Superweichmatratze wird
kritisch hinterfragt, da diese dem Klienten die Körperwahrnehmung
deutlich erschwert. Wir nutzen dieses Hilfsmittel lediglich bei einer
akuten Dekubitusgefahr, die auf andere Weise nicht abgewendet werden
kann.
- Wir stellen den Fernseher oder das Radio an,
soweit es der Klient wünscht. Die Dauer der Mediennutzung richtet sich
nach dem Aufnahmevermögen des Klienten. Sobald dieser "berieselt" wird,
wird das Gerät wieder abgeschaltet. Wir nutzen ggf. die zeitgesteuerte
Autoabschaltung des Geräts.
- Wir nutzen Hörbücher oder eine “vorgelesene Wochenzeitung” (etwa: “ZEIT Audio” im digitalen Abo).
- Sofern der Klient in der Lage ist, eine
Fernbedienung zu nutzen, wird ihm diese in die Hand gegeben. Ggf.
werden die wichtigsten Tasten für ihn markiert, also “Kanal vor”,
“Kanal zurück”, “lauter, “leiser” sowie “An/aus”.
(Hinweis: Alle o. g. Maßnahmen müssen gut dosiert werden. Ein Übermaß
an Reizen führt zur Reizüberflutung und letztlich erneut zur
Deprivation.)
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pflegerische Maßnahmen
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- Der Klient wird wann immer möglich mit erhöhtem Oberkörper gelagert, damit er seine Umgebung besser wahrnehmen kann.
- Hilfreich ist dabei ein elektrisch
verstellbarer Lattenrost, mit dem sich der Klient selbst per
Fernbedienung in eine Sitzposition bewegen kann.
- Wir stellen ein mobiles Betttischchen auf, auf dem der Klient seine Utensilien ablegen kann.
- Soweit möglich wird der Klient aus dem Bett z. B. in einen Schaukelstuhl mobilisiert.
- Wenn keine Mobilisierung aus dem Bett möglich
ist, wird der Klient in möglichst vielen unterschiedlichen Varianten
gelagert. Insbesondere verändern wir die Lage der Extremitäten, lagern
also die Arme und Beine mal oben, unten oder übereinander.
- Das Krankheitsbild eines Klienten mit
Deprivation kann dem einer Demenz ähnlich sein. Durch eine sorgfältige
Beobachtung versuchen wir, beide Krankheiten sicher voneinander zu
unterscheiden. (Hinweis: Eine Deprivation kann in einen akuten
Verwirrtheitszustand übergehen.)
- Wir setzen konsequent auf das System der
Bezugspflege. Nur so kann zwischen dem Klienten und der Pflegekraft
eine enge persönliche Beziehung entstehen.
- Wir beachten die Bedeutung der aktivierenden
Pflege. Der Klient muss so viele Probleme und Aufgaben so selbstständig
wie möglich lösen. Nehmen wir ihm diese Tätigkeiten ab, verliert er
wichtige Fähigkeiten. Wir machen auch pflegende Angehörige darauf
aufmerksam, dass sie dem Klienten nur solche Tätigkeiten abnehmen, die
diese
+++ Gekürzte Version. Das komplette Dokument finden Sie hier. +++
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Weitere Informationen
zu diesem Thema |
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Schlüsselwörter für diese Seite |
Deprivation; Langeweile; Umweltgestaltung;
Beschäftigung; Hospitalismus; Prophylaxe |
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Unverzichtbar ist häufig auch eine inhaltliche Beteiligung der
jeweiligen Haus- und Fachärzte, da einzelne Maßnahmen vom Arzt
angeordnet werden müssen. Außerdem sind etwa einige Maßnahmen
bei bestimmten Krankheitsbildern kontraindiziert. |
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